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derbaron - 11. Okt, 09:05

Dabei wäre es gar nicht so schwer. Ein kurzer Spaziergang durch die Wiener Innenstadt würde genügen, um zu zeigen, was eine Stadt "begehenswert" macht. Das soll gar kein Schwelgen in der damaligen Zeit sein, aber irgendwie hatte man vor 100 und mehr Jahren scheinbar mehr Gefühl für Stadtplanung. Gewachsene Strukturen, Kleinteiligkeit, Überschaubarkeit, definierte Plätze und Straßenzüge, ja, auch eine gewisse Behaglichkeit spendende Enge (man denke an schmale Gassen) fußgängerfreundliche Sockelzonen (Geschäfte, Fenster, ..), das alles sind Begriffe, die heute abzugehen scheinen.

Leider wird diese Thematik sehr stiefmütterlich behandelt und ich bin froh, daß wenigstens Sie sich damit befassen und ein wenig in die Öffentlichkeit rücken.

kayjay - 11. Okt, 11:45

das empfinde ich nicht richtig.
vor hundert jahren, eher noch vor der industralisierung also noch länger her, hat es überhaupt keine stadtplanung in diesem sinn gegeben, was kleinräume betrifft.
entweder hat man aus militärischen überlegungen geplant, oder man hat aus der not der erfahrung (pest, stadtbrände, und andere plagen) verordnungen herausgebracht. (wie feuerreichen, gewisse abstände etc.)
der rest war vollkommen egal, und daher hat es "subversive " stadtplanung gegeben wo menschen ihre stadt durch leben entwickelt haben.

teilweise wurde in den städten , wie auch in der jetztzeit, wahnwitzigen kahlschlag betrieben, wie zb der hauptplatz in graz, oder auch die ringstrasse in wien, welche eben nun als wunderbares beispiel im städtebau verwendet werden.

das was man heute als angenehm empfindet, ist wie ein blick auf eine postkarte: es hat nie den status quo gegeben sondern das leben in der stadt ändert sich täglich.
derbaron - 11. Okt, 11:53

Das ist kein Widerspruch. Natürlich gab es keine Stadtplanung in dem Sinn wie es sie heute gibt (obwohl auch das nur teilweise stimmt, man denke nur an Renaissancestädte, die sehr wohl sehr geplant angelegt wurden). Aber egal, ob man zu einer Entwicklung Stadtplanung sagt oder nicht, es wurde - wenn man funktionierende Städte von "damals" in der Jetztzeit mit Satellitenstädten ala Wienerberg vergleicht - mit mehr Gefühl für das Gesamte gebaut.

Das ist wahrlich kein Schwelgen in Postkartenmotiven, denn gerade ich bin ein Fan von guter moderner Architektur (auch in Altstädten), sondern ein reiner Vergleich, welche Zonen Wiens zum spazierengehen und sich aufhalten einladen und welche nicht.
cc - 11. Okt, 13:46

@kayjay@derbaron

halte das für eine wichtige Debatte.
Was ist der Kern des Unterschieds zwischen Wienerberg und Innenstadt? (wobei "Innenstadt" nicht City heisst, sondern z.B. auch Neubau, Ottakring, oder die Leopoldsstadt):
Das Schlüsselwort heisst Diversity
Das Neben- und Übereinander des Verschiedenen:
Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Einkaufen alles vielleicht sogar im selben Haus, jedenfalls in der Umgebung.
Erdgeschosszonen, die unterschiedlichst genutzt sind.
Und jedenfalls eines nicht: Monofunktionlae Nutzung.
Das ist der Unterschied.
Und auch die Stärke des gründerzeitlichen Wiens:
Was gestern Wohnung war kann im selben Haus umgebaut werden und Büro/Kanzlei/Atelier oder Kindergruppe entstehen.
Das kann der Wienerberg nicht.
Drum stimmt, was kayjay schreibt: ist eine Stadt lebendig, kann sie sich verändern? das ist die wesentliche Frage.
derbaron - 11. Okt, 14:55

Ja klar, eine Stadt darf, soll, ja muß sich sogar verändern. Das ist aber - glaube ich - nicht die wesentliche Frage, um zu bewerten, ob ein Gebiet auch außerhalb einer Wohnung Lebensqualität hat. Es ist, wie Sie richtig schreiben, einerseits die Vielfalt aber andererseits sehr wohl auch das bewußte Miteinbeziehen des Straßenraumes in Planungen, aber eben nicht alibihalber auf die Wahl des Asphaltes der Straße und ein paar lieblos angelegte Grünflächen beschränkt. Ich denke, ein Stadtplaner müßte sich bewußt fragen, was muß ich tun, damit die Menschen sich gerne auf der Straße aufhalten, denn nur dann werden diese öffentlichen Bereiche auch attraktiver. Und diese Frage muß die Flächen und die Häuser gleichermaßen miteinbeziehen. Also kein individuelles Häuser hochziehen sondern eine ganzheitliche Planung.

Beispiel: Auslagen und Geschäfte in der Mariahilferstraße, die zum Bummeln einladen, ein definierter Straßenraum (Gehsteig, Straße, Gehsteig, das ganze in die Länge gezogen, abgegrenzt, kleinteilig, man kann sich orientieren, die Gegend ist also wahrnehm- und abschätzbar) versus Wiener Berg (Meterhohe kahle Sockelzonen ohne Fenster oder mit kahlen Verglasungen, Häuser nur aus der Vogelperspektive einem bestimmten System zuordenbar aber nicht aus der Fußgängerperspektive, was dazu führt, daß man die Mischung aus unterschiedlich aufgestellten Häusern als chaotisch empfindet, es gibt keine definierten Straßenzüge und Plätze und kann sich nirgends "anhalten". Die Gegend besteht eigentlich nur aus Häusern und dazwischen übriggebliebenen Flächen, Häuser und dazwischenliegende Flächen sind völlig überdimensioniert).

Um zu meinem Vergleich mit der Innenstadt zurückzukehren: Vielleicht ist das genau der Grund, warum ich innerhalb der Gründerzeitviertel so gerne spazierengehe: Weil dort scheinbar (auch wenn es vielleicht intuitiv getan wurde) so gebaut wurde, daß auch der Straßenraum ein Treffpunkt werden kann, was er damals vielleicht noch mehr war als heute, weil es noch keinen Pkw-Verkehr gab und weil damals auch noch mehr Bedarf dafür vorhanden war, Leute auf der Straße zu treffen (Fernseher gab es ja noch nicht).
smeagol (Gast) - 17. Okt, 22:04

camillo sitte

man ist versucht, den kapitalisten - wobei ich ja der meinung bin, daß daran nicht unbedingt die sp zur verantwortung zu ziehen ist - die literatur von camillo sittes lehrbüchern von um 1900 vorzuschlagen.
Es stellt sich ja weiterhin die frage, ob man nicht, wenn man schon auf die grüne wiese hochverdichtet baut, daß ein wenig massstäblicher an den menschen anpassen könnte.
oder auch, warum hat man in bestimmten "stadterweiterungsgebieten" als herumschlendernder spaziergänger das gefühl eine schraube zu sein, die in eine maschinge gefallen ist, ohne da wirklich hinzugehören?

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