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Gesamtschule, wars das dann?

Bildungsfragen treiben mich um.
Hab einen längerer Kommentar für die Presse geschrieben.
Und um nicht nur auf eigene Artikel zu verweisen:
Das scheint eine Erzählung aus eine anderen Welt.
Interessant dabei: In einem westlichen Industrieland gelingt es, das Bildungswesen,
die Einstellungen von Politikern und von grossen Teilen der Bevölkerung
kurz die Bildungskultur grundsätzlich zu verändern.
Warum sollte es bei uns nicht funktionieren?
Gérard (Gast) - 30. Apr, 13:14

Aber ja!

Freilich könnte es bei uns auch funktionieren. Wenn man sich ehrlich und offen den wirklichen Ursachen der Probleme stellt. Und auch bereit ist, viel Geld zu investieren. Sehr, sehr viel Geld.

Meine Thesen:
1. Ungleiche Bildungschancen entstehen nicht bei der Schultypentscheidung mit 10 Jahren sondern in den 10 Jahren der Sozialisation davor.

2. Eine Schule wie in Finnland (vgl. Zeit-Artikel) baut auf einer ganz anderen Gesellschaft auf, z.B. wird die Erziehungsarbeit fast gänzlich öffentlichen Einrichtungen überantwortet (Schule, "Telefonerziehung").

3. Damit eine Schulreform wirklich funktioniert, müssen unendlich hohe Investitionen in Infrastruktur (größere & mehr Schulen, bessere Ausstattung, Freizeiträume, neue Lernorte), Sozialwesen (kostenloser Kindergarten ab 3, Kinderbetreuung, Elternunterstützung bei Erziehungsproblemen, Sprachförderung, Lernunterstützung) und Wohnbau & Stadtplanung (kindorientierte Verkehrsflächen, Freiräume, natürlicher Rückbau, autofreie Straßen/Grätzeln) getätigt werden.

4. Um eine echte Individualisierung und Förderung Lernschwacher zu erreichen, sind Lerngruppen von 10-15 Kindern anzustreben, d.h. über den Daumen gerechnet doppelt so viele Schulen und Lehrer wie bisher. Und das wieder heißt, das Bildungsbudget um nicht weniger als 100% zu erhöhen.

So mir nix, dir nix kann eine Gesellschaft nicht komplett umgekrempelt werden. Falls die derzeit diskutierten "Gesamtschulmodelle" tatsächlich derart stümperhaft umgesetzt werden, kann ich das Ergebnis gerne prognostizieren: In wenigen Jahren würden in den jeweils untersten Leistungsgruppen der Gesamtschule dieselben Probleme auftreten wie jetzt in den städtischen Hauptschulen.

Im übrigen stehen meine Fragen an Laska natürlich weiterhin zur allfälligen Beantwortung offen: http://chorherr.twoday.net/stories/3654854/#3655295

exon (Gast) - 30. Apr, 17:26

Andersrum

Die Teilung in eine Hauptschule und in eine Gymnasial-Unterstufe war vor vielen Jahrzehnten eine angemessene Reaktion auf den Bedarf einer sich heftig industrialisierenden Gesellschaft, deren zentraler Berufstyp der Facharbeiter war. Dass wir (und Deutschland, Schweiz) für die hervorragende Lehrlingsausbildung weltweit zu Recht gefeiert wurden, basierte auf offenkundig tauglichen Hauptschulen, die den jungen Menschen das Rüstzeug für eine technisch anspruchsvolle Lehre bzw. für Berufsschulen gaben.
Dass wir jetzt keine Hauptschulen dieses alten Typs mehr zwingend brauchen, liegt daran, dass wir eine Wissens-und Informationsgesellschaft sind bzw. werden, deren zentrale Berufstypen definitiv keine Facharbeiter mehr sind. Das wirtschaftliche und damit soziale Paradigma hat sich verschoben. Die Hauptschule ist funktionslos geworden.
Das - wie auch immer definierte - Gymnasium nicht: im Gegenteil, sein altes humboldtsches Ideal von der möglichst breiten Allgemeinbildung ist aktueller denn je. Da es nur mehr eine Sicherheit in der Arbeitswirklichkeit, im Produktionsalltag gibt, nämlich die, dass nichts fix und nichts sicher, sondern permanent Veränderungen ausgesetzt ist, kann es keine "speziellere" Grund-Ausbildung geben als die allerallgemeinste Allgemeinbildung. Alles andere muss, mehrmals im Leben, die Fort-und Weiterbildung innerhalb der Wirtschaft besorgen.

Bezeichenderweise kommen die beiden Gründer der höchstbewerteten Company der Welt (google) von der geisteswissenschaftlichen Logik und Mathematik - jeder unserer HTL-Schüler kann besser programmieren als die beiden, dermaßen "un-technisch" sind Gründer und Inhaber des wertvollsten Technologie-Giganten der Welt. Nicht nur die Hauptschule, auch das Realgymnasium hat mittelfristig ausgedient. Eine "Gesamtschule" muss es deshalb geben, weil wir gesamthaftes, ganzheitliches Wissen, vor allem aber Denkenkönnen als einzige Voraussetzung für künftiges konkurrenzfähiges Agieren in einer globalen Wissensgesellschaft festmachen können. Alles andere wird sich im Laufe der Entwicklung herausstellen.

Die neue Diskussion rund um die Gesamtschule ist eine Travestie auf eine seriöse Bildungs=Zukunftsdiskussion unserer Gesellschaft. Es werden die klassengesellschaftlichen Phantome der Zwischen-und Nachkriegszeit beschworen und vermeintlich gebannt. Statt sich die Frage zu stellen, wie das Land und besonders Wien wieder anknüfen können, wo vor nicht einmal sechzig Jahren der Faden gerissen ist: Eines der Zentren des Weltwissens zu sein, um von Geist vorsichtshalber nicht zu reden.

Gérard (Gast) - 30. Apr, 21:55

Gymnasium für alle

Wenn das Gymnasium mit dem Anspruch einer möglichst breit angelegten Bildung das Optimum darstellt, warum dann ändern? Warum nicht die Hauptschulen flächendeckend in AHS-Unterstufen umwandeln?

Wie man es dreht und wendet, kein Gesamtschulbefürworter kann mir schlüssig erklären, wie diese magische "Zusammenführung" zweier unterschiedlicher Schultypen funktionieren soll. Wenn das Schlüsselprinzip Kleinstgruppenunterricht lautet (und das ist es in Wahrheit, vgl. Finnland), dann braucht man nicht viel umgestalten und reformieren. Es würde reichen, (viel) mehr Klassenräume und Lehrer bereitzustellen!
teacher - 1. Mai, 16:59

Mir gefällt ihr "Presse"-Text ausnehmend gut. Gratuliere.

Aber schauen bzw. hören wir, wie in der Realität Laska+Haider&Co. an die Sache herangehen: "Wir haben recht, die Gesamtschule muss her. Punkt. Den Professoren gehts doch nur ums Geld, um Privilegien." Die alten Töne, die alte Gräben vertiefen.

Ich habe eine Kollegin, die aus einer Versuchs-KMS richtiggehend in meine AHS geflüchtet ist und hier eine angesehene, beliebte Lehrerin ist. Somit sind 100 Lehrer (alle meine KollegInnen) gewarnt: Probleme mit der Disziplin, mit den Eltern, mit den Lernergebnissen, keine Unterstützung, kein Fortschritt ... nicht ein positives Wort. (Ein anderer Kollege mit KMS-Erfahrungen ist in Frühpension gegangen.)
Diese Lehrer zu überzeugen, zu motivieren, einzustimmen, das wird schwierig. Gelingt es nicht, ist das ganze Projekt zum Scheitern verurteilt.

Ich traue das unseren kurzfristig denkenden Politikern kaum zu, obwohl Fr. Schmied gemäßigt und überlegt an die Sache herangeht.

Und: Es geht hier um keine Kleinigkeit, sondern um eine Art Mega-Merger, den man nicht ein paar wild gewordenen Rabiatpolitikern überlassen kann.

a.m. (Gast) - 4. Mai, 17:39

Ich bin gegen die Gesamtschule, so wie sie von der SPÖ geplant ist.
Eine Gesamtschule wird nämlich an der Schule selbst nichts verbessern. Dazu sind
andere Faktoren entscheidend!

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