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maschi - 12. Nov, 10:02

1. Zum Pendel: Sollte ein den klugen Staat vertretender kluger Politiker nicht auch hier gewissermassen antizyklisch argumentieren und den Menschen dann von den Vorzügen des Markts erzählen, wenn die staatliche Regulierung überhand nimmt und von den Vorzügen kluger Regulierung, wenn die "unsichtbare Hand" gerade wieder etwas überhöht wird? Vor welchem Hintergrund führen wir diese Debatte hier? Doch vor dem Hintergrund des überregulierten Österreich, in dem Kleinstunternehmer mit 60%iger Abgabenlast jede Luft zur Entwicklung von vornherein abgeschnürt wird, in dem diese Gelder, die der modernen Arbeiterklasse also fehlen, zu Milliardenhöhe aufgetürmt in Verwaltungsstrukturen der Gesundheits- und Sozialbürokratie versickern, in dem wir uns neun Bundesländer und eine Verwaltungsstruktur leisten, von der jeder Experte auf dem Rücken eines Bierdeckels ausrechnen kann, dass hier zig Milliarden an Einsparungspotential pro Jahr (!) schlummern. Und wir führen diese Debatte vor dem Hintergrund eines Österreich, in dem das "Tafelsilber" entgegen jeder wirtschaftlichen Vernunft immer genau dann verkauft (bzw verschenkt) wird, wenn es genau gar nichts mehr wert ist oder wir noch was drauf zahlen müssen.

2. Und dennoch träumen wir weiterhin vom "klugen Staat". Die entscheidende - wenn man so will "philosophische" - Frage ist nicht, ob wir *derzeit* und also mehr oder weniger "zufällig" von einem "klugen starken regulierenden Staat" meilenweit entfernt sind. Sondern die entscheidende Frage ist, ob es wenn wir ehrlich zu uns selbst und realistisch sind, einen solchen "klugen starken regulierenden Staat" langfristig, nachhaltig, dauerhaft so geben kann, dass er im Durchschnitt zu besseren Lebensumständen für mehr Menschen führt als wenn wir ihn nicht so stark regulierend hätten. Oder sprechen da vielleicht doch eine Reihe an systematischen Gründen und historische Erfahrung eher dagegen? Hinter jedem klugen Regulierer kommen zwei dumme mit denselben Hebeln in der Hand. Wir müssen uns die Frage stellen, wo wir wären, wenn wir uns alle drei gespart hätten.

3. Wenn wir so allgemein von "Regulierung" sprechen, dann geht dabei unter, welche Art von Regulierung hier gewünscht wird. Und wenn ich dann lese, dass "kurzfristiges betriebswirtschaftliches Denken" zur "sinnlosen Vernichtung von Arbeitsplätzen" führe dann frage ich mich schon, ob vor dem Hintergrund solcher Wirtschaftsphilosophie nicht wiederum genau die Art von Regulierung gefordert wird, die die eigenen Ideen ganz konkret und anlassbezogen mit den Mitteln der Politik durchsetzen will. Anstatt durch einen allgemeinen und verlässlichen Rahmen das schaffende, kreative, ausprobierende, auch scheiternde Individuum zu fördern und sich mit den eigenen Ideen geradezu bewusst zurückzunehmen.

4. Und dann werden AUA, Post, Telekom, ORF als Belege für "inexistente" Regulierung angeführt. Mitnichten. Sie sind das Ergebnis eben nicht "inexistenter" sondern dummer Regulierung und einer Politik, die jede Gelegenheit nutzt, dem Management eines Unternehmens, das den Kunden von der Qualität seiner Leistungen überzeugen muss ins Ruder zu greifen. Aktuelles Beispiel: Faymann verhindert die Schliessung von Postämtern per Verordnung. Kluge Regulierung? Die ZIB2 brachte vorgestern Strasseninterviews mit Leuten aus einem Ort, in dem das Postamt geschlossen wurde. Tenor: jetzt gehts viel einfacher und schneller, weil der Nahversorger es nebenher besser erledigt als vorher das ganze Postamt. Auch eine Wahrheit.

5. Gerade beim Thema der "Versorgung des ländlichen Raums" müsste man aus grüner Sicht aufpassen wie ein Haftelmacher. Da müssten alle Alarmglocken läuten. So ähnlich wie beim Thema Pendlerpauschale, bei dem die Grünen hin- und hergerissen zwischen ökologischer und sozialer "Verantwortung" ebenfalls keine klare Position einnehmen. Das Leben im Wald, das Leben am flachen Land hat seine Vorzüge, aber eben auch seinen Preis. Wenn wir diesen Preis alle gemeinsam zahlen, wollen mehr aufs Land als wir uns eigentlich leisten können. Also: was (ausser dem gesamten Aufbau unseres Staates) spräche grundsätzlich dagegen, dass sich die Gemeinden ihre Art der Nahversorgung mit Infrastruktur wie zB Briefpost selbst organisieren, selbst bezahlen und ihren Bürgern in Form einer Kommunalabgabe auch selbst aufbürden. Das wäre ein Schritt in Richtung Kostenwahrheit und ein Schritt weg von der Subventionierung des Landbewohners durch den Stadtbewohner.

tetrade (Gast) - 12. Nov, 12:12

Maschi hat ein Problem

Die Welt/der Mensch läßt sich nicht komplett verdinglichen, der Mensch ist ebenso trieb-, emotions-, traditionsgesteuert wie er vernunftbegabt ist, deshalb greift die purifizierte Rationalität des reinen Liberalismus, die maschi hier so beredt und verdienstvoll vertritt, leider sehr oft viel zu kurz.
Klar, es ist abstrus, dass sich ein Land, das weniger als halb so groß ist wie Nordreinwestfalen, sich 9 Länder samt Ministerpräsidenten, Regierungen und Beamtenstäben leistet. Diese völlig überflüssige Struktur zwischen EU-Bundesregierung-Gemeinden kostete das Gemeinwohl 120 Milliarden Schilling als das zum letzten Mal seriös berechnet wurde (vor ca 10 Jahren).

Ich wäre sehr froh, wenn die Grünen ein Volksbegehren starten würden zur Abschaffung der völlig überflüssigen Bundesländer. Die öffentliche Debatte darüber würde den einen oder anderen zum Nachdenken bringen. Aber wir brauchen uns nichts vorzumachen: Gäbe es eine Volksabstimmung, die Befürworter der jetzigen Struktur würden haushoch gewinnen.

Die Tag für Tag meisteingeschaltete ORF-TV-Sendung ist "Bundesland heute", die ja keine Sendung ist, sondern neun Sendungen und daher einer der teuersten Routine-Sendeplätze der Welt - würde man die aufgeben für ein "Österreich heute", wäre der ORF morgen saniert. Doch das ist real nicht durchsetzbar. Sowenig wie die Abschaffung des gesamten Föderalismus-Spuks.

Und so könnte ich jetzt jeden einzelnen Punkt maschis dekonstruieren: Alles vernünftig, alles sehr durchdacht, alles total lebensfern. Seit die Neocons mit Bush baden gegangen sind und die Marktliberalen vor dem Trümmerhaufen "ihres" Finanzmarkt-Paradises stehen, schaue ich ganz wehmütig meine wunderbaren Hayek-Büchersammlung an und denk mir: Der womöglich gescheiteste Österreicher des 20. Jahrhunderts hat diesen Welt-Unsinn angerichtet/ausgelöst/inspiriert. Irgendwie mag uns der liebe Gott nicht.
maschi - 12. Nov, 12:20

Ich empfehle Popper "Gegen den Zynismus in der Interpretation der Geschichte". Lg.
dieter (Gast) - 12. Nov, 12:39

Stimme bei Punkt 5 zu.
Allerdings ergibt das zu deiner sonstigen Argumentation einen Widerspruch. Denn die Gemeinden sind auch der Staat. Aber zumindestens gibt es Kostenwahrheit, wenn die Gemeinden ein Postamt als Angebot an die Bevölkerung finanzieren wollen.

Beispiele für klug steuernde Staaten gibt es jedenfalls. Die Südostasiaten und Skandinavier z.B. Und Beispiele für dumme Pirvate gibt es auch. Siehe Finanzmarktkrise, die letzlich darauf beruht, dass die Privaten kollektiv entschieden haben, dass der Bau von überdimensionierten Häusern in den amerikanischen Suburbs für Menschen mit geringem Einkommen eine gewinnbringende Investition wäre.
Letztlich ist es g'hupt wie g'hatscht, denn in jedem Fall entscheiden Menschen und die machen halt häufig einen Blödsinn. Nichts in dieser Welt ist perfekt.

Gegen die Abschaffung der Bundesländer bin ich auch. Ich habe keine Lust darauf, dass der Schuldenkaiser und Öffi-Feind Pröll nach Wien hinein regiert.

Zum Thema: In Wien verlegt die Stadt über ihre Betriebe Glasfaser. Das ist schon mal ein Beispiel für einen klugen Staat.
maschi - 12. Nov, 12:51

mir kommts auf die art und weise der regulierung an. ich bin kein regulierungsgegner per se, warne aber auch davor, überzogene erwartungen an "kluge regulierung" zu haben. wenn wir den staat wieder zu stark machen, wird er von dummen regulierern missbraucht werden und wir haben am ende weniger gewonnen als verloren.

ad "ghupft wie ghatscht". einspruch. der wesentliche unterschied liegt in der fehlertoleranz. wir müssen tendentiell strukturen bevorzugen, in denen unsere eigene dummheit und unzuverlässigkeit keine unmittelbar letalen folgen hat. das betrifft sowohl die die folgen ihres handelns nicht überschauenden staatenlenker, als auch einen regelungsrahmen für die privatwirtschaft, der es dem kleinräumigen agieren erleichtert und nicht nur private bürokratien fördert. übrigens was grosstechnologie anbelangt, eigentlich auch ein grünes thema... und das gewichtigste argument gegen den "weltstaat", aber das nur zum drüberstreuen, weils grad spass macht...
tetrade (Gast) - 14. Nov, 03:05

Zurück in die Zukunft

Danke für den Hinweis wieder einmal bei Popper nachzuschlagen, sehr lehrreich in unserer derzeitigen Situation (obwohl Hayek für mich der größere Geist bleibt). Die von Hayek und Popper geteilte und aus ihrer Zeitgenossenschaft nur allzu verständliche Furcht vor totalitären Systemen, die der nächste Schritt sind, der auf die Vorstellung von Planbarkeit wirtschaftlicher und sozialer Konstellationen folgt, bleibt eine "ewig gültige" Warnung. Aber soweit sind wir nicht, der real existierende Sozialismus ist uns immer noch zu nah als Erinnerung.

Aber so wie der Kommunismus vor 20 Jahren eine von niemandem bezweifelte
fundamentale Niederlage erlitten hat, so hat der Kapitalismus jetzt eben auch eine erlebt. Das muss man sich mal als Liberaler eingestehen. Vernünftigerweise kann niemand behaupten, dass dies eine Niederlage vis à vis des Kommunismus ist, sondern es ist eine im (vermutlich idealisierten) Vergleich mit der klassischen Sozialen Marktwirtschaft, wie sie im kollektiven Gedächtnis Deutschlands, Österreichs und großer anderer Teile Europas besteht und in anderer Form in den USA als Roosevelt/New-Deal-Nostalgie ihre Urstände feiert (und auf Obama projiziert wird).

Wir sollten meiner Ansicht nach unseren Diskurs in diese Richtung lenken: In welcher Form wollen wir die Soziale Marktwirtschaft modifizieren, welche Fehler sollten wir auf keinen Fall wiederholen, wie adaptiert man sie auf das 21. Jahrhundert? Dass sie wieder kommt, steht für mich außer Frage: Wenn Merkel jetzt so redet wie Lafontaine vor zwei Jahren, wenn Faymann so klingt wie Pittermann und beide zu wissen glauben, dass man anders Wahlen nicht mehr gewinnen kann auf absehbare Zeit, dann lohnt sich eine andere Diskussion nicht. Das ist der real existierende Post-Kapitalismus, mit dem wir die nächsten Jahre zubringen werden.
maschi - 14. Nov, 09:33

Da kann ich recht gut mit - freut mich dass es nun konstruktiv wird - ebenso wie ich bei Chorherrs Erinnerung daran, dass eine Marktwirtschaft einen Regelungsrahmen braucht im Grunde sehr gut mit kann. Nona, würd ich ja fast sagen. (Auch wenn ich überhaupt nicht mitkann, die Niederlage des Kommunismus vor 20 Jahren mit der heutigen "Niederlage des Kapitalismus", was auch immer der im Gegensatz zur Marktwirtschaft eigentlich genau sein soll, zu vergleichen, das ist nicht vergleichbar, ist jetzt aber nicht so wichtig.)

Die wichtige konkrete politische Frage bleibt: vor welchem Hintergrund diskutieren wir? Vor dem Hintergrund der globalen Wirtschaft, die insbesondere im Finanzbereich bisher zu wenig (bis gar keinen) Ordnungsrahmen vorfand? Oder vor dem Hintergrund eines Österreich, eines Deutschland, weiter Teile Westeuropas, in dem es selbstverständlich nach wie vor eine "soziale Marktwirtschaft" gibt. Bittschön, ich misstraue dem "kollektiven Gedächtnis": was war denn vor 20 Jahren wesentlich anders als heute? Nun ja ok, zwei Dinge schon:

erstens Europa ist mit seiner schon fortgeschritten sozialen Marktwirtschaft (aus meiner Sicht temporär) unter Druck gekommen, weil nun andere auch Marktwirtschaft betreiben. Und zwar aufgrund des Entwicklungsstands vorderhand mal zu Kosten und Bedingungen, die bei uns gottseidank 150 Jahre zurückliegen (auch wenn selbst diese bedingungen für viele menschen dort einen "Fortschritt" darstellen). Vorläufiges Zwischenergebnis dieser für sehr viele Menschen global betrachtet wesentlichen Entwicklung in Europa ist, dass weitere soziale Errungenschaften zum Stillstand gekommen sind oder auch etwas erodieren. Man kann den Frust darüber hier sehr gut verstehen, man kann aber vielleicht gleichzeitig auch das big picture noch wahrnehmen.

zweitens innerhalb europas wurde und wird - hauptsächlich aber nicht nur vorangetrieben von der europäischen union - privatisiert und liberalisiert. telekom, energie, verkehr etc etc. der grund dafür ist nicht so sehr die "globalisierung", oder dass wir uns "dem rauhen wettbewerb" stellen müssen, sondern das begann schon spätestens in den 1980er Jahren, vor dem Fall des "eisernen vorhangs". der hauptgrund war, dass man gesehen hat, dass es mit den alten staatsbetrieben so nicht mehr weitergeht. man kann wirtschaft nicht betreiben, indem man unproduktive arbeitsplätze zementiert. man kann nicht (über)leben, wenn man sich nicht ändert.

beide entwicklungen erzeugen frust bei vielen von änderungen unmittelbar betroffenen - das verstehe ich - beide entwicklungen kann man aber auch aus meiner sicht nicht einfach "schlecht" finden und "dagegen" sein. weder fundamentale globalisierungsgegnerschaft ist schlau (weil zum allgemeinen besten) noch fundamentale gegnerschaft zur europäischen privatisierungs- und liberalisierungswelle ist schlau (weil zum allgemeinen besten).

bleibt daher die "grosse" frage: was bedeutet "soziale marktwirtschaft" heute, wenn man nicht zurück in die vergangenheit will, sondern allenfalls "zurück in die zukunft"? wie das paradoxon von flexibilisierung unseres lebens unter aufrechterhaltung sozialer sicherheit lösen? und: ist es überhaupt ein paradoxon oder brauchen wir nicht vielmehr ein gerüttelt mass an sozialer sicherheit, um unsere wirtschaftlichen kräfte erst so richtig zur entfaltung zu bringen?

von sozialliberaler seite gäbe es eine mögliche antwort darauf, die von mehr werdenden denkenden menschen aus beinahe allen weltanschaulichen lagern (von kommunisten bis katholiken) unterstützt wird: das grundeinkommen für alle. es wurde ua von milton friedman unter dem titel der "negativen einkommensteuer" wesentlich mitkonzipiert. was steht uns am weg dorthin vor allem im weg? der kopf. das was die nazis als zynischen spruch über ihre arbeits- und vernichtungslager geschrieben haben, dominiert nach wie vor unser denken (und ich nehme mich da nicht etwa aus): arbeit macht frei.

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