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maschi - 7. Feb, 16:59

Der Text strotzt für mich nur so vor lauter Emotionen. Es ist genau diese Rethorik, die uns am Ende doch keinen Millimeter weiterbringen wird. Ja, die uns vielleicht in ein paar Jahren in bester manisch-depressiver Manier sogar massiv schaden wird, wenn dann wieder politisierte Massen durch die Strassen ziehen... hoffen wirs nicht.

Schulmeister kritisiert nun also jene redlich Bemühten, die über neue Spielregeln für (Finanz-)märkte nachdenken, „manisch-depressive Schwankungen der Wechselkurse, Zinssätze, Aktienkurse und Rohstoffpreise" liessen sich laut ihm "durch keinerlei Regulierung beheben". Vielmehr bräuchten wir statt veränderter Regeln eine "radikale Überwindung des neoliberalen Weltbilds" was auch immer diese radikale Überwindung genau sein soll - dafür hat offenbar auch Schulmeister nicht einmal den Ansatz eines Rezepts anzubieten.

Da will jemand laufen, ohne zu wissen wohin eigentlich. Man kann sowas mit dem Begriff "Panik" umschreiben und zu verstehen versuchen.

Märkte sind ua. dazu da, Preise zu finden. Wenn sich nun zeigt, dass sie dabei in bestimmten Bereichen nicht so erfolgreich sind wie wir uns dies aufgrund ebenso realer Erfahrungen in vielen anderen Bereichen erwarten dürften, dann ist nun eine nüchterne Analyse der feinen Unterschiede angebracht. Aber solcherart Analyse ist ja vielleicht nicht spektakulär genug, hat nicht so diesen Nimbus der grossen Zeitenwende.

Mich zB hat sehr zum Nachdenken gebracht ein Interview mit dem deutschen Unternehmer Ritter ("Ritter Sport" Schokolade) in einem der letzten Brand Eins. Darin schildert er recht eindrücklich wie Rohstoffbörsen die Preisfindung für von ihm benötigte Basisprodukte wie zB Kakao zunehmend problematisieren. Der Grund dafür liegt schlicht darin, dass Personen, die "real" an diesen Rohstoffen und ihrer Verwertung interessiert sind, dort gegenüber Vermögensanlegern zunehmend unterrepräsentiert sind.

Man könnte das vielleicht auch so ausdrücken: Wo uns früher mal die "Verflüssigung" von Märkten über Börsen dabei geholfen hat, die der realen Angebots- und Nachfragesituation und -erwartung entsprechenden Preise schneller zu finden, entdecken wir nun womöglich, dass genau diese Verflüssigung bei geänderten Rahmenbedingungen auch problematisch werden kann. Alle extrem verflüssigten Märkte eignen sich nämlich neben dem "realen" Handel auch extrem gut zur Vermögensanlage: in Sekundenschnelle kauf- und verkaufbare Dinge sind eben genauso flüssig "wie Geld" - und damit sind sie dann auch "wie Geld".

Das aber bedeutet für mich letztendlich, dass solche Märkte nun vereinfacht gesagt versuchen zwei Preise gleichzeitig zu finden. Zum Teil den durch reale Nachfrage und reale Angebote bestimmten Preis, zum zunehmend grösser werdenden Teil einen durch die Nachfrage nach sicheren und vielversprechenden Anlageprodukten bestimmten Preis. Der Realpreis eines Guts allein ist eben woanders als wenn er sich mit dem über viele derart verflüssigte Märkte verteilten Preis der "besten Anlagemöglichkeit" überlagert... und da sich diese über zunehmend mehr Märkte ziehende Suche nach der besten Anlageform in Sekundenschnelle von einem verflüssigten Realmarkt in den nächsten bewegen kann erleben wir eben auch die "manisch-depressiven" Schwankungen auf diesen Märkten - und die realen Verbraucher von zB Kakao stöhnen entsprechend...

Ich mag damit im Konkreten nun recht haben oder auch nicht. Aber ich bin mir völlig sicher, dass diese Art von Nachdenken rein gar nichts mit Schulmeisters Brachialrethorik zu tun hat. So wie auch die aus solchem Nachdenken zu ziehenden Konsequenzen (wie zB jene der vielleicht ganz bewussten "Bremsung" gewisser oder auch fast aller Märkte durch Transaktionssteuern) nichts daran ändern werden, dass Märkte unverzichtbar leistungsfähige Werkzeuge in unserer Menschen Hände bleiben müssen, sollten, werden.

Es ist doch letztlich immer wieder dasselbe: was in der Vergangenheit gut und richtig und förderlich war (in meinem Beispiel die Schaffung von Börsen) wirft unter veränderten Rahmenbedingungen neue Probleme auf. Herausforderungen könnte mans auch nennen, die gemeistert werden können. Panik hat uns noch nie geholfen.

steppenhund - 7. Feb, 17:36

So panikartik empfand ich den Artikel gar nicht.
Es ist aber wohl schwer, emotionslos darüber zu schreiben. Es gab schon zu viele Warnungen zuvor.
Ich entnehme dem Artikel aber, dass man sich zuerst über die wahren Hintergründe des Versagens ins Klare kommen muss, bevor man darüber nachdenken kann, was besser zu tun wäre.
Darüber werden sich die Leut' aber noch lange streiten...
One Brick (Gast) - 8. Feb, 12:04

Ich stimme Maschi hier zu, auch mir fehlt in dem Schulmeister-Text ein realistischer Handlungsansatz.

Gerade der Teil, der der angeblichen Regellosigkeit der Finanzmärkte das ausgefeilte Regelwerk der Dirvatenmärkte entgegenhält ist wenig seriös: Der Vorwurf der Regellosigkeit beschränkt sich ja nicht auf die Anzahl der Regeln, sondern ebenso auf deren mangelnde Qualität.

Im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, dass Schulmeister die letzten 35 Jahre für eine Sackgasse hält, den Retourgang einlegen möchte und wieder ganz von vorne beginnen.

Das ist wohl mehr als realitätsfremd.

Mich hätte mehr interessiert:

*) Welche Finanzinstrumente braucht die Realwirtschaft, welche nicht?
*) Welche Rolle spielen Spekulaten im Markt, bringen sie mehr Nutzen oder mehr Schaden? Wie lässt sich dieses Verhältnis verschieben?
*) Ist es sinnvoll an Rohstoffmärkten nur mehr "echte" Marktteilnehmer zuzulassen?
*) Ist es sinnvoll den Sekundärmarkt für Derivate nicht mehr zuzulassen?
*) Was können wur tun, damit wir unseren Nachkommen weniger Kapitallvermögen sondern bessere Chancen für den eigenen Erfolg vererben?

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