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Martin Schimak - 26. Mai, 17:52

Abgesehen vom Kommentar von vielleicht "one brick" lässt mir die Diskussion hier teilweise ziemlich kalte Schauder über den Rücken laufen. Ich fühle mich geistig teilweise in die 1980er Jahre zurückversetzt. In der Zwischenzeit gab es in Österreich mal Grüne, denen ein Alexander van der Bellen den Begriff "Wirtschaftswachstum" erklärt hatte - heute hat man manchmal den Eindruck, verstanden wurde aber leider doch nie irgendetwas. Offenbar waren doch nur die Wahlerfolge ganz angenehm - und that's it.

Was ich nie verstehen werde: Warum diskutiert man ständig über DEN Kapitalismus und ein ANDERES System ohne sich die Frage zu stellen, was DEN Kapitalismus im innersten eigentlich ausmacht und welches dieser konstituierenden Elemente wir denn grundlegend in Frage stellen wollen?

Laut Wikipedia wird "unter Kapitalismus eine Wirtschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum der Produktionsmittel beruht und über den freien Markt (Marktwirtschaft) gesteuert wird." Marktwirtschaft wiederum ist eine arbeitsteilig organisierte Wirtschaftsordnung, in der die Koordination von Produktion und Konsum über das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage auf Märkten erfolgt. Grundlegende Elemente einer Marktwirtschaft sind das Eigentumsrecht, die Vertragsfreiheit und die Wettbewerbsordnung.

Welches der hier aufgezählten konstituierenden Elemente des in Frage gestellten "Kapitalismus" möchte man denn bitteschön weghaben oder so grundsätzlich in Frage stellen, dass man noch davon sprechen kann die "System"-Frage zu stellen? Die Arbeitsteiligkeit? Das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage auf Märkten? Das Eigentumsrecht? Die Vertragsfreiheit? Oder gar eine Wettbewerbsordnung?

Wir brauchen in dieser Hinsicht eben keine "Systemdebatte" - in der momentanen Situation kann eine solche im Gegenteil sogar brandgefährlich werden. All das heisst aber eben NICHT, dass wir keine politische Weiterentwicklung des Wirtschaftssystems brauchen. Ganz im Gegenteil. Wir brauchen intensivste Debatten über marktexterne Kosten, wir brauchen eine Debatte über kostenfrei nutzbare oder auf Kosten der Allgemeinheit dann über Gebühr ausgebeuteten Güter (zB die saubere Luft, der Platz in der Stadt, der Lärm der Autos, das Gleichgewicht des Erdklimas und ganz vieles mehr). Weiters brauchen wir eine Debatte darüber, wie sich der (mE dem Grunde nach unverzichtbare) Leistungsgedanke mit einer Gesellschaft verträgt, deren wirtschaftliche Errungenschaften zu einem guten Teil nicht in der lebenden Generation erbracht wurden sondern von vorangegangenen Generationen - eine Debatte, die uns schnurstracks zur Frage eines bedingungslosen Grundeinkommens oder ähnlichem führen würde.

Allein: all diese Debatten wollen wir nicht wirklich führen. Wir haben Angst vor den Dingen, bei denen eine Änderung sogar zumindest *denkbar* wäre. Lieber stellen wir Systemfragen. In dem wohligen Gefühl, dass wir "halt leider, leider eh keine Alternative zum bösen System" *kennen*?

Wurscht. Meine Antworten:

1) Kapitalismus ist wesenhaft expansiv

Rein Quantitativ nein, Qualitativ und Quantitativ zusammengenommen ja, wobei der qualitative Anteil des Wachstums immer grösser wird. Man könnte es auch so sagen: solange uns die Ideen nicht ausgehen wird es Wirtschaftswachstum geben. Und selbst wenn es keins mehr geben wird, weil uns die Ideen in 1000 Jahren doch ausgehen, dann wird der "Kapitalismus" im oben definierten Sinn auch nicht zugrunde gehen. Wir werden aber spätestens dann ein Einkommenverteilungsmodell brauchen, das einen immer grösser werdenden Teil der Wirtschaftskraft unabhängig von individueller Leistung verteilt - und zwar nicht aus Almosengründen, sondern schon deshalb, weil es sich um die Rendite der Leistungen früherer Generationen handelt - und diese vollkommen gleich an alle verteilt werden muss um leistungsfeindliche Einkommens- und damit Chancenverteilungen hintanzuhalten.

2) Widerspruch zu begrenzter Erde

Nein, denn es gibt kein theoretisch begründbares Limit für die qualitative Verbesserung unserer Gedanken. Die stofflichen Grenzen des Wachstums hängen nicht systemimmanent mit dem Begriff "Wirtschaftswachstum" zusammen.

3) Wachstum ist aber Wert- nicht Mengenwachstum

Ja. Eben. Dreifach unterstrichen!! Allerdings widerspreche ich den obigen Beispielen. Wir werden grundsätzlich nicht dadurch reicher, dass wir "arbeitsintensive" Dinge tun, sondern dadurch, dass wir Arbeit abschaffen wo immer es geht. Das sich daraus ergebende Problem "mangelnder Arbeit" ist einerseits ein Verteilungsproblem andererseits auch ein Problem mit der Natur des Menschen. Wir werden gesamtgesellschaftlich lernen müssen, mit unserem Erfolg zu leben. Wie schwer das sein kann kann man schon heute an so manchem Superreichen beobachten der "nicht mehr arbeiten muss". Bisher fehlt uns dafür jedwede Kulturtechnik.

4) es gibt weite Bereiche von Entstofflichung bei Wertwachstum

Ja, dreifach unterstrichen!! Sie ist geographisch begrenzt in den entwickeltsten Regionen bereits heute im Gange.

5) das umzusetzen ist schwer genug

Sicher. Wir müssen die stofflichen Grundlagen unserer Wirtschaft völlig umbauen. Daher gibt es momentan auch noch Arbeit genug. DAS wird aber voraussichtlich nicht ewig so bleiben.

6) und vielleicht der Einstieg in ein anderes Wirtschaftssystem

Ich sehe darin kein anderes Wirtschaftssystem. Aber vielleicht ist das auch nur eine Frage der Definition von "Wirtschaftssystem". Ich hoffe es - denn wenn wir auf eine neue Phase zugehen, in der wir Arbeitsteiligkeit, das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage auf Märkten, das Eigentumsrecht, die Vertragsfreiheit oder die Wettbewerbsordnung als SYSTEM ganz grundsätzlich in Frage stellen (also nicht nur mit Verstand und wohlbegründet modifizieren) dann verliere ich vielleicht doch noch meinen normal recht unerschütterlichen Optimismus in die Bewältigbarkeit unserer Zukunft.

One Brick (Gast) - 26. Mai, 18:39

Rache der Enterbten

"..die heutige Wirtschaftskraft ist die Rendite der Leistungen früherer Generationen - diese muss gleich an alle verteilt werden" (sinngemäß)

Diesen Ansatz finde ich sehr interessant. Zu meinen Liebingshypothesen gehört die Idee, dass schon viel kapitalistischem Schaden vorgebeugt wäre wenn man das Erben abschaffen könnte, es also keinen individuellen (materiellen) Vermögensübergang zwischen den Generationen mehr gibt (sondern einen kollektiven).

Das Hinterhältige an derlei Entwürfen: man kann sich nicht mehr so einfach dem Vorwurf entziehen, das SYSTEM ganz grundsätzlich in Frage zu stellen - im konkreten Fall das Element "Privateigentum".

Oder wäre das als kleine "Modifikation" zu werten?

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