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teacher - 8. Sep, 10:43

Darauf bin ich sehr gespannt. Weil ich gehöre zu den Lehrern, die diesmal nicht mehr grün wählen werden, weil wir fürchten, dass unter rot-grün die Gesamtschule eingeführt wird, aber die wichtigeren Begleitmaßnahmen, die du nennst, eingespart werden müssen. Die Gesamtschule (gegen die ich aus sozialen Gründen nicht auftrete, aber für die ich mich als AHS-Lehrer auch nicht stark machen will) bringt dem Schulsystem keinen Qualitätsschub. Da braucht es ganz andere Maßnahmen! Die Begleitmaßnahmen sollten die eigentlichen Maßnahmen sein.

Und so wie Ökologen für eine große Vielfalt eintreten, sollten die Grünen für eine Vielfalt von Schulen kämpfen: NIcht 2 Typen, nicht 1 Typ sondern hunderte!

Martin Schimak - 8. Sep, 11:16

Die Gesamtschule ist kein prinzipieller Gegensatz zu "von unten" und selbstbestimmt gesteuerter Schulvielfalt, auch wenn sie - leider! - in der Praxis oft so gedacht wird.

"Gesamtschule" so wie ich sie idealerweise verwirklicht sehen würde wäre nicht sehr viel mehr als eine Handvoll an "Auflagen" für Betreiber von Schulen für 6 bis 15jährige, allen voran: kostenfrei für den "Konsumenten", dh keine über einen im wesentlichen pro Kind ausbezahlten staatlichen Finanzierungsbeitrag hinausgehende Schulgelder, sowie keinerlei "Auslese" bei der Aufnahme in Schulen für 6-15jährige. Anmeldung bedingungslos nach dem "first come / first serve" Prinzip ohne Ansehen der sozialen Herkunft oder des Wohnorts.

Diese beiden Auflagen würden meiner Überzeugung nach zu einem System der "Gesamtschule" einer sich dynamisch weiterentwickelnden Vielfalt führen.
teacher - 9. Sep, 08:17

Auslese

Im Prinzip: d'accord.
Bei "keinerlei Auslese" wird es schon brenzelig: Ich würde den SchülerInnen gerne sehr früh die Möglichkeit bieten, sich auf ihre Stärken zu konzentrieren (neben den Grundfertigkeiten). Da gibt es Kinder, die gerne Musik machen, andere die sehr sportlich sind, welche die bei physikalischen Experimenten abfahren, welche, die gerne schreiben, fotografieren, Englisch sprechen, mathematisch denken, basteln ... Es können nicht alle alles machen, nicht alle Schulen alles bieten, ich muss also Möglichkeiten finden, die richtigen Kinder auf die richtigen Wege zu bringen. Ist es "Auslese", wenn ich Schulen mit Englischschwerpunkt und Schulen mit Kroatischschwerpunkt anbiete, wenn ich Fotoklassen und Sportklassen schaffe und damit auf die speziellen Vorkenntnisse und Begabungen eingehe?
Martin Schimak - 9. Sep, 09:02

Nein. Das ist natürlich keine Auslese in dem Sinn wie ich sie meine. Sondern im Gegenteil erwünschter Effekt.

"Auslese" würde dann vorliegen, wenn ich ein Kind das unbedingt in die Schule mit Kroatischschwerpunkt möchte trotz Vorhandensein von Plätzen abweisen darf. Das kann man in einem System der "Gesamtschule" so wie von mir verstanden nicht zulassen, weil sonst der sozialen Abschliessung Tür und Tor geöffnet werden würde. Wie könnte ich verhindern, dass diese Schule nur Kinder mit kroatischen Eltern hineinlässt? Wie könnte ich verhindern, dass die Englischschule nur Kinder aus "guten Bezirken" hineinlässt? Genau das, so meine persönliche Überzeugung muss zwischen 6 und 15 - also der Pflichtschulzeit - verhindert werden. Ansonsten sollte aber Freiheit herrschen, weil ich sonst die angesprochene "Vielfalt" abwürge und damit jede Weiterentwicklung blockiere. Es gibt aber keine "auf immer" "richtige" Schule.

Anmerkung: das "auf den richtigen Weg bringen" kann ich auch unterschreiben, es darf aber aus den genannten Gründen eben gegen den Willen eines sich anmeldenden Kindes kein kategorisches Nein geben, sondern es muss in Form von "Beratung" und "Begleitung" erfolgen. Die Entscheidung bleibt beim Kind und seinen Eltern.
Martin Schimak - 9. Sep, 09:42

Übrigens, weil ich gerade den aktuellen Eintrag im teacher blog lese: so ein System der "Gesamtschule" passt hervorragend zur externen Zielüberprüfung, ja erfordert sie wahrscheinlich sogar. Unterrichtet wird in unabhängigen (staatlich und/oder privat organisierten, aber immer staatlich finanzierten) Schulen, ein für alle geltender Katalog an Grundfertigkeiten wird regelmässig und für alle gleich extern evaluiert.
Wolfgang (Gast) - 9. Sep, 18:20

nicht 2 typen sondern hunterte?

Wenn das wirklich unterschiedlichen Schulen sein sollen, bekommst du das gleiche Problem wie bei de HTLs, wo Schüler extrem weit pendeln, oder ins Internat müssen, weils ihre Richtung nur 1-2 mal gibt. (z.B. Flugtechnik in Eisenstadt).
Was hier (in der AHS) völlig ausreichen würde, wäre eine großzügige Erweiterung von Wahlpflichtfächern, auch in die Unterstufe hinein. Allerdings müsste man dann auch Wahlpflichtfächer abhalten, wo sich nicht so viele Schüler dafür melden - notfalls dann eben Leute aus unterschiedlichen Schulstufen zusammennehmen.

Es ist für so eine flexible Schule auf jeden Fall nicht notwendig, zwischen Gymnasium und Hauptschule zu trennen.
Wolfgang (Gast) - 9. Sep, 18:21

uargs.. Tippfehler...

sorry.
Karl-Heinz (Gast) - 9. Sep, 21:13

"first come / first serve"

Ist gut. Ich melde mein Kind mit der Geburt für alle Schulen an, die ich glaube. Somit bin ich einer der "first". Jetzt komme ich aber drauf, daß mein Kind nicht meine Musikalität, sondern das Sprachtalent der Mama geerbt hat. Was ist dann?

Wenn es sowas gibt, dann kann es nur ein "Auswahlverfahren nach Qualität" geben, sofern es zuwenig Plätze gibt. Gibt es in einer Richtung stets zuwenig Plätze, dann sollte der Schulbetreiber sich Gedanken machen.
Martin Schimak - 9. Sep, 22:01

@Karl-Heinz Es kann keine verbindlichen "Auswahlverfahren nach Qualität" bei Kindern und jungen Erwachsenen geben. Da beisst sich die Katze in den Schwanz: sobald wir "auswählen" haben wir auch schon Entwicklung verhindert.

Ad Anmeldeverfahren: das sind technische Details, die sich lösen lassen, zb über ein zentrales Anmelderegister für Schulen, in denen man sein Kind ab dem Alter x für die Schulen der Wahl anmelden kann. Oder auch ganz anders. Jedenfalls bin ich zuversichtlich, dass sich solche Dinge lösen lassen, wenn man sie lösen will.

Ad "immer zuwenig Plätze": wenn Schulen im wesentlichen gemäss der Nachfrage nach ihr finanziert werden, dann können sie auch ausbauen und wachsen ohne um Geld betteln zu müssen. Und andere Schulbetreiber werden die Nachfrage nach bestimmten Angeboten bemerken und ähnliche Dinge machen. Das ist genau der Vorteil: Dinge "unten" ausprobieren. Und wenn sie gut sind, dann machen sie ohnehin die anderen nach.
Karl-Heinz (Gast) - 11. Sep, 07:44

Doch, es gibt sie, jedesmal und immer wieder. Selbst wenn es z.Zt.: Entscheidung von Mama oder Papa, eventuell nit Einbeziehung des Kindes, heißt. Es soll jemand, der nicht durch die "Mama / Papa Brille" schaut miteinbezogen werden. Sicher wird es auch dann einige % geben, die in der "falschen" Schule sitzen, wieviele tun es heute? Es hängt immer von Wahrscheinlichkeiten ab.

Egal welchen Zeitpunkt man wählt, es wird immer jemanden geben, der sich "am Vortag beim Apple Store um das neue iPhone" anstellt. Damit ist aufgesperrt und ausverkauft. Ein iPhone ist mir wurscht, meine Kinder sind mir sehr wichtig.

Wenn man nach Bedarf anbieten will, dann sollte der Bedarf bekannt sein. Immer hintennach zu bauen, da ist man immer letzter ;-)
Martin Schimak - 11. Sep, 10:25

Karl-Heinz, Du tust aber ein bissl so so als ob Du Dich in einem System mit relativ bekannten Gegebenheiten bewegst. Man kann den "Bedarf" (wovon genau) nicht "im Vorhinein" anbieten. Bildungsbedarf ist auf allen Seiten beweglich und weiters: der "Bedarf" in einem System vielfältiger Schulen entsteht ja erst dadurch, dass ein Team irgendwo was echt gut macht und immer mehr Leute drauf aufmerksam werden.

Aber was man tun kann, ist Schulen, nach denen solche zunehmend grosse Nachfrage besteht "automatisch" auch ein grösseres Budget zu geben. Damit verursacht man im selben Moment, dass andere Schulen, denen die Leute von Jahr zu Jahr weniger werden sich a. entweder beginnen an den nachgefragten Schulen zu orientieren oder b. irgendwann von der Bildfläche verschwinden.

Und natürlich soll bei der Auswahl jemand einbezogen werden, der nicht durch die Mamapapabrille schaut. Wie ich oben schreibe: beratend und begleitend. Die Letztentscheidung muss beim Kind selbst liegen und das muss leider in der Praxis auch heissen: umso kleiner das Kind, umso mehr werden die Erwachsenen "mitreden" oder selbst entscheiden.

Davon rede ich. Genau das ist heute nämlich überhaupt nicht der Fall: Erfolgreiche öffentliche Schulen müssen um jeden Cent zusätzlichen Budgets bürokratische Hürdenläufe austragen. Erfolgreiche private Schulen werden kleingehalten, weil man sie nicht vollfinanziert, sondern die Eltern zahlen lässt. Unser Problem besteht also genau darin, dass oben zuviele Leute zu wissen glauben, was der "Bedarf" angeblich ist und sich unten nix bewegen und verändern darf obwohl viele engagierte Pädagogen genau wüssten, was sie anders machen wollten. Aber stattdessen werden sie frustriert. In meinen Augen das Problem einen viel zu hierarchisch und autoritär organisierten Systems.

Lg!

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