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presse-kommentare

Audimax - Nukleus einer neuen Demokratiebewegung?

Meine aktuelle Pressekolumne, zur neuen Studentenbewegung.
Hinweis: Zielgruppe sind Presseleser/innen, drum hab ich die so wichtigen
Web 2.0 Aspekte weggelassen: da hätte ich zuviel erklären müssen.



Zu allen Zeiten waren Universitäten Brennpunkte gesellschaftlicher Neuerungen. Was derzeit im Audimax der Uni Wien ihr Zentrum findet, hat irreversible Veränderungen angestoßen. Endlich, und allein dafür sei den Studierenden gedankt, werden kraftvoll und lautstark die richtigen Fragen gestellt, nämlich jene nach Aufgaben und Zielen der Universität in unserem Gemeinwesen. Die Zustände sind derart unerträglich, dass es unverständlich ist, wie lange sie ertragen wurden.

Ausgangspunkt ist eine im Vergleich zu fast allen anderen reichen Industrienationen chronische Unterfinanzierung. Es bedürfte einer Milliarde Euro mehr, um an jenes Niveau anzuschließen, das international Standard ist. Aber es geht um mehr als nur ums Geld.

Als Fragen gestellt:

Muss eine Studieneingangsphase wirklich langweilig und „multiple-choice-orientiert“ sein, mit dem offensichtlichen Ziel, möglichst viele junge Menschen abzuschrecken, statt ihnen Lust aufs Denken und Forschen zu machen?

Welchen Sinn hat es, weite Teile des angehenden Uni-Personals mit prekären Dienstverhältnissen kurzzuhalten und so die Besten unter ihnen zur Emigration zu zwingen?

Wie lässt sich das Ziel, viele internationale Studierende in Österreich zu haben, ohne Qualitätseinbußen und soziale Selektion finanzieren?

Sollten nicht in allen Studienrichtungen Geistes- und Sozialwissenschaften auch als Orientierungswissen Eingang finden?

Sollten nicht statt zunehmender Verschulung wieder mehr Freiräume beim Studieren geboten werden?

Wie kann inneruniversitäre Demokratie auch im Alltag wiederbelebt werden?

Kurz: Was sind eigentlich die Rolle, die Ausgestaltung und der Stellenwert der Universitäten in Österreich?

Die Beantwortung dieser Fragen ist wichtig und bedarf vor allem eines: Zeit. Darum an dieser Stelle ein konkreter Vorschlag: Die Regierung ist weder willens noch fähig, eine solche Debatte sinnstiftend zu führen. Sollte da nicht das Parlament die Initiative an sich reißen und eine Enquete-Kommission gründen, die über Monate hinweg gemeinsam mit Studierenden und Lehrpersonal neue politische Grundlagen unserer Universitäten ausführlich diskutiert und am Ende ein großes Reformpaket vorlegt?

Wenn solches gelänge, könnten die Spätherbsttage 2009 als Beginn einer neuen Demokratiebewegung in die Geschichtsbücher eingehen.

Arbeiten Sie noch?

Zur aktuellen "Pensionsdebatte" meine heutige Presse-Kolumne:

Frühpension, also ohne Aufgabe zu sein, ist kein Privileg – im Gegenteil.

Hannes Androsch wurde jüngst gefragt, warum er in seinem Alter – er ist über 70 – und seinem Einkommen – er ist jedenfalls Millionär – noch immer arbeite. „Ich arbeite nicht, ich bin tätig“, war die bedenkenswerte Antwort. Es ist an der Zeit, die Pensionsdebatte endlich aus ihrer Begrenztheit herauszuführen.

Ist es wirklich eine soziale Errungenschaft, Menschen zwischen 50 und 60 so lange zu mobben, bis sie gegen ihren Willen, weiter „tätig sein“ zu wollen, in die Pension geschickt werden? Heute erwartet diese Menschen – statistisch – noch rund drei Jahrzehnte gesundes Leben, und unsere Gesellschaft signalisiert ihnen: „Wir brauchen dich nicht mehr, schleich dich aufs Altenteil.“

Im völligen Gegensatz zur öffentlich verbreiteten Meinung, Frühpension sei ein Privileg, verspüren sehr viele, dass genau das Gegenteil stimmt. Der Mensch ist ein schöpferisches Wesen, möchte wirken, gestalten, etwas mit anderen tun. Ohne Aufgabe zu sein ist das Gegenteil eines Privilegs. Das tatsächliche Pensionsantrittsalter liegt für Männer in Österreich bei 59 Jahren; und es sinkt weiter, im Gegensatz zu fast allen anderen OECD-Ländern.

Wohin die „Hackler-Debatte“ endlich führen müsste: Warum sind in unserem Land so viele Berufe so unattraktiv, die Arbeitsbedingungen so fremdbestimmt, dass die Flucht daraus so erstrebenswert ist? Obwohl wir, als Gesellschaft, materiell ziemlich reich geworden sind, wurde offensichtlich total verabsäumt, die vielfältigen Ausgestaltungen von „Arbeit“ zu entwickeln. Länger als bis 59 zu arbeiten, länger „tätig zu sein“ darf doch nicht als Bedrohung empfunden werden. Was wäre das für eine entsetzliche Gesellschaft? Das, was das Zentrum des Lebens oder doch zumindest ein ganz wesentlicher Teil davon ist, das, was man tut, schafft, gestaltet, wäre bloß eine Belastung, aus der man so früh wie möglich entfliehen will?

Zugespitzt gefragt: Verstößt der ORF, der dieser Tage hoch qualifizierte Journalisten in die Pension schickt, von denen manche erst in der Mitte ihrer 50er sind, alle jedenfalls weit unter dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter, nicht fundamental gegen den Artikel 23 der Menschenrechte, jenem über das Recht auf Arbeit? In diesem Artikel 23 steht auch das „Recht auf befriedigende Arbeitsbedingungen“. Hannah Arendt hat bereits in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts eines ihrer bahnbrechenden Werke verfasst: „Vita activa oder vom tätigen Leben“. Die Herren Khol und Blecha sollten es einmal durchblättern.

Der Anfang vom Ende der Feschisten?

Dieser Presse-kommentar ist mir ein besonderes Anliegen, vielleicht geht manchen jetzt ein Lichterl auf.

Am Anfang war das Taferl. Jenes über die Gehälter und Pensionen von AK Funktionären, das 1994 Jörg Haider im Fernsehn Franz Vranitzky entgegenhielt.
Große Empörung über “die da oben” war die Folge, die SPÖ verlor die Wahl, und die Partei der “Fleissigen und Tüchtigen” gewann.Mehr als fünfzehn Jahre versuchten Medien, SPÖ und Grüne mit einer völlig falschen Strategie,dem Vorwurf des Neofaschismus gegen die FPÖ anzukämpfen. Vergeblich.Statt sie als das zu bezeichnen, was ihr innerster Kern ist, und was Falter Chefredakteur Thurnher so trefflich auf den Punkt gebracht hat:
Feschisten; die österreichische Ausgabe von wendigen, teuer gekeideten, mit losem Mundwerk ausgestatteten und einem gewissen Schmäh versehenen Korruptionisten, die bar jeder Skrupel nehmen, was sie in die Finger kriegen können. Vorzugsweise Volksvermögen.
Denn was waren schon die biederen AK-Nehmer Rechberger und Zacharias gegen die Feschisten Grasser und Meischberger? Wäre der Mathematikunterricht in Österreich besser, müßten sich Grasser & CO längst schamhaft verstecken. Denn der Unterschied zwischen den Rechbergers und Grassers
“Buberln” liegt bei Zehnerpotenzen dessen, was diese an
öffentlichen Mittel rechtswidrig in eigene Taschen umgeleitet haben. Schon folgenden Satz wagte kein Drehbuchautor zu erfinden: ,Karl- Heinz, ich habe eine Idee. Wir könnten die gemeinnützigen Wohnungen verkaufen.‘, zitiert Profil einen Spitzenbeamten und damaligen Grasserintimus.

Dann folgte ein abgekartetes Spiel, dessen Ausgang von Anfang an feststand, und bei dem sich, zu Lasten der Republik vor allem damalige FPÖ Funktionäre bedienten. 9,6 Mio Euro bekam Grasser Freund Maischberger, zu dem der damaligem Immofinanz-Chef schlicht anmerkt:„Ich bin immer davon ausgegangen, dass er erfolgreich für uns lobbyiert hat.“ Er hat.
Glücklich darf sich dieser Tage nur der ORF schätzen. Denn um ein Haar wäre Walter Maischberger vor ein paar Jahren Online-Direktor geworden. Alles war auspaktiert, nur mußte im letzten Moment der
Feschist einen Strafregisterauszug vorlegen, aus dem jedoch hervorging, dass er schon damals wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilt war.
Mein grosser Montagswunsch: Tauschen wir zukünftig in der Auseinandersetzung mit der FPÖ bloß einen Buchstaben aus.
Bezeichnen wir sie als Feschisten, die korrupt in ihre eigene Tasche scheffeln. Der Unterschied wird gewaltig sein.

edit:
Wer`s noch nicht gelesen hat. Dieser Profilbericht ist wirklich beachtlich.

rot-schwarze Verhinderer

meine Überlegungen zur Vorarlbergwahl kommen morgen.
hier meine aktuelle Pressekolumne:

Wieder einmal zeigt sich, dass alle Bekenntnisse von Rot und Schwarz, sich für Klimaschutz stark zu machen, Orwell'scher Neusprech sind. Diese Woche wird im Parlament das Ökostromgesetz neu beschlossen. Anstatt wie in vielen Ländern erfolgreich vorgezeigt alternativen Energieträgern in ihrer vielfältigen Form von Wind bis Biomasse endlich faire Rahmenbedingungen zu geben, zementiert die Regierung einen Ausbaudeckel.

Nicht mehr als lächerliche 21 Millionen Euro dürfen demnach neu errichtet werden. Und damit will man eines der größten Vorhaben Europas und des Landes, den Umstieg von fossiler auf erneuerbare Stromversorgung, erreichen? Nur ein kurzer Vergleich: 21 Millionen für die gesamte solare Stromerzeugung auf der einen Seite; im Planungsausschuss des Wiener Gemeinderates wurde diese Woche beschlossen, für die Verbreiterung eines kleinen Stücks des Gürtels bei der Abfahrt von der Südosttangente 110 Millionen Euro an Steuergeldern zu investieren. Damit noch mehr Autos in die Stadt gepumpt werden.

Völlig richtig war dieser Tage in der „New York Times“ ein – aus US Sicht – fast neidvoller Artikel über das deutsche Ökostromgesetz zu lesen: Dieses Erneuerbare-Energien-Gesetz sei hauptverantwortlich, dass heute die Hälfte der weltweiten Solarpanele aus Deutschland kommen und diese Industriebranche bereits die zweitgrößte nach der Autoindustrie darstellt. Pro Kopf haben die Deutschen zehnmal so viel Strom aus Sonnen- und Windkraft wie wir Österreicher.

Bundeskanzler Faymann bewies bei der Debatte im Parlament, dass er das grundlegende Problem überhaupt nicht verstanden hat: Seine Ablehnung der so wirksamen deutschen Regelung begründete er damit, dass neun Cent Mehrkosten auf den Strompreis pro Tag „sozial nicht verträglich“ wären.

Wenn demnächst importiertes Gas und Öl wieder deutlich teurer werden und immer stärker für die Stromerzeugung herangezogen werden müssen, dann steigt der Strompreis weitaus höher, und Kaufkraft wie Steuereinnahmen fließen nach Russland oder Saudi-Arabien. Außerdem schädigen wir das Klima und werden bald Strafzahlungen an die EU leisten müssen, da wir die Klimaziele nicht erreichen.

Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Früher beschimpfte man uns Grüne als Verhinderer. Heute sind Rot/Schwarz die Verhinderungsphalanx. Sie blockieren saubere, heimische Stromproduktion und schaden nicht nur dem Klima, sondern behindern auch tatkräftig den Aufbau einer sauberen Industriesparte.

Von "peak oil" zu "peak everything"

meine aktuelle Pressekolumne:

Die nächsten 20 Jahre werden grössere Veränderungen bringen, als die letzen 100, so Dennis Meadows bei den Alpbacher Baukulturgesprächen.Der grösste Wandlungsdruck werde vom Klimawandel ausgehen und von der zunehmenden Knappheit verfügbarer Rohstoffe. Medows meinte gar, dass die Welt “peak oil” bereits erreicht habe. Gemäss dieser These wird sich die Weltölproduktion genauso verhalten, wie die Nordseeölproduktion derzeit: Sie wird langsam aber stetig sinken; ihr geologischer Gipfel, “peak” ist überschritten. Länder mit steigender Ölprodultion werden jene mit sinkender Ölproduktion (in den USA sinkt diese trotz enormer Anstrengungen seit 1972) nicht mehr kompensieren können.
Peak oil ist aber nur ein kleiner Teil eines viel grösseren, noch nie dagewesenen Wandels. Alles Physische wird knapp. So berichtet die New York Times (dank twitter und orf.at auch bei uns) über Chinas Bestrebungen, den Export “seltener Erden”, die für die Produktion von Elektroautos ebenso wie für Windturbinen unabdingbar sind massiv zu beschränken. China ist das Saudiarabien dieser seltenen Erden, die so exotische Namen wie Dysporium, Terbium oder Neodymium haben, es besitzt 93% davon.
Meadows hat recht, und diese Erkenntnis wird die Welt mehr verändern als die aktuelle Wirtschaftskrise: Rohstoffe, ob Erdöl oder spezielle Metalle sind endlich. Will die ganze Welt, d.h. bald 9 Mrd Menschen nur annähernd so leben, so konsumieren, so autofahren, wie wir in den reichen Industrieländern geht sich das stofflich ganz einfach nicht aus. Nur ein Beispiel: In einem Toyota Prius stecken ca 2 kg Neodymium, folgerichtig hat Toyota dieser Tage heftig gegen die chinesischen Exportbeschränkungen protestiert.
Auch die deutsche Handelskammer macht bereits mobil, und urgiert eine neue Rohstoffpolitik.
Dabei ist das Problem viel grösser: Unser ganzer Konsumstil steht zur Disposition. In naher Zukunft wird es schlicht undenkbar sein, zum Transport einer Person mit knapp 80 kg ein bis zwei Tonnen Rohstoffe, soviel wiegen heute Autos, zu beanspruchen, sowie mit Fremdenergie zu bewegen.
Konflikte um knappe Ressourcen gab es in der Menschheitsgeschichte immer wieder, Meist wurden sie durch Kriege “gelöst”. Die nächsten 20 Jahre werden in der Tat gewaltige Veränderungen bringen.

Neue Plätze für die Stadt

Mein aktuelle Stadtplan-Kolumne in der Presse:

Neue Plätze für die Stadt
Wir Wiener lieben Plätze, soferne es sie gibt.

Wer sich dieser Tage im Museumsquartier umtreibt, oder in den Innenhöfen des alten AKH verweilt, erkennt unschwer, was urbane Freiraumqualität heißt.

Plätze dieser Art gibt es jedoch viel zu wenige. Vor allem die Freiräume, die Kindern offenstehen, und Bewegungs-, Entdeckungs- und Begegnungsmöglichkeiten bieten.

Dieser mangelnde offene Raum für Kinder ist eines der Hauptargumente, warum noch immer werdende Eltern ins Umland ziehen, weil sie ihr Kind im Grünen aufwachsen lassen wollen. Damit machen sie sich zum Sklaven des Autos. Die Amerikaner haben dafür einen treffend traurigen Ausdruck gefunden. Soccermoms nennen sie jene Mütter, die für jeden Weg ihrer Kinder ins Auto gezwungen sind. Denn wo innerstädtisch Straßen- und U-Bahnen, aber auch das Fahrrad selbstbestimmte und umweltfreundliche Mobilität ermöglichen, ist so etwas im Speckgürtel unmöglich.

Gerade wegen des großen Erfolges und der unübersehbaren Akzeptanz der wenigen Wiener Plätze schreien zwei weitere danach, endlich den Bewohnern der Stadt zurückgegeben zu werden.

Da sind zum einen die wunderschönen Innenhöfe der Rossauer Kaserne. Nutzung derzeit: Überwiegend Parkplätze für Behörden jeglicher Art.

Wenige sind sich des Ausmaßes dieser Höfe bewusst. Sie haben eine Größe wie das Museumsquartier.

Ähnlich im siebenten Bezirk. Da werden die Innenhöfe der Stiftskaserne ebenso lieblos und absurd verschwenderisch als Parkplätze missbraucht, anstatt sie für die Anrainer, die in diesem Teil der Stadt über besonders wenig Frei- und Grünraum verfügen endlich zur Verfügung zu stellen.

Natürlich gibt es tausende bürokratische Gründe, warum das nicht gehen kann. Staatliche Behörden finden immer Argumente, die Notwendigkeiten aus ihrem wuchernden Innenleben begründen und müssen nachdrücklich daran erinnert werden, dass sie nicht Selbstzweck sondern dienendes Organ der Bevölkerung sind.

Die Initiative zur Öffnung muss von den Anrainern kommen, denn die Stadtregierung scheint das wenig zu interessieren. Kreative Aktionen gibt es zuhauf, um als ersten Schritt diese Freiräume ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Wenn es vor Jahrzehnten möglich war, gegen erbitterten Widerstand die Kärntner Straße und den Graben zur Fußgängerzone umzugestalten, sollte eine urbanes Lebensgefühl auch diese zwei Freiräume von Autos befreien, und dem Souverän der Stadt wieder zur zurückgeben.

Südafrikanische Zerstörung

Leicht verspätet, mein aktueller Stadtplan Kommentar in der Presse:

Der Unterschied ist gewaltig. Wir alle wissen, dass Tausende jährlich im Autoverkehr sterben. Es berührt uns kaum. Sehen wir mit eigenen Augen jemand am Straßenrand mit dem Tod ringen, versuchen wir zu helfen. Es berührt uns tief.

Wir wissen alle, dass, verteilt über den Globus, Abertausende ihre Heimat verlieren, vertrieben werden, weil ein Kraftwerk oder eine Mine gebaut wird. Hier, an der südafrikanischen „Wildcoast“, knapp 200 km südlich von Durban, erlebe ich es hautnah. Es ist schwer, hier nicht in Klischees zu verfallen, aber es ist so: Die Pondos leben wie vor hunderten Jahren, Subsistenzlandwirtschaft, in malerisch über die sanften Hügel verstreuten strohgedeckten Hütten. Dank ausreichender Niederschläge gedeihen Mais sowie vielerlei Gemüse, Rinder werden ebenso gezüchtet wie Ziegen und Hühner. Strom gibt es nur vereinzelt, wenn sich eine Familie eine winzige Solaranlage vor die Hütte stellt; diese reicht, in Kombination mit einer Autobatterie, fürs Radio und ein paar Glühlampen.

Die Pondos betreiben seit Jahren „community-based tourism“. Sie haben an besonders schönen Orten nahe dem unberührten Strand Camps errichtet oder bieten Übernachtungen in ihren Dörfern. Man glaubt, in einer Zeitmaschine zu sein. Ihre Zukunft sehen sie stark in dem naturverbundenen Tourismus.

Ob sie weiter ihre Kultur leben dürfen, ist ungewiss, denn an der völlig unberührten, sagenhaft schönen Küste wurde Titan entdeckt. Ein Metall, das zur Legierung von Stahl verwendet wird. Seit Jahren versucht ein australischer Konzern, mitten in Pondoland eine Mine zu errichten. Die Mehrheit der Menschen hier ist strikt dagegen. Sie wissen: Es wäre das Ende ihrer Kultur.

So ungebildet die Pondos aufgrund ihrer Lebensweise wirken mögen: Sie wissen, der Reichtum des gefundenen Titans kommt anderen zugute. Der reisende Europäer vergleicht: hier eine der letzten unberührten Küstenlandschaften Südafrikas und eine gewachsene Kulturlandschaft. Dort, in Europa, beschließen wir eine Verschrottungsprämie aus öffentlichen Mitteln, um funktionsfähige Fahrzeuge zu zerstören. Damit wir neue kaufen. Diese brauchen zur Herstellung Rohstoffe. Titan von der „Wildcoast“ zum Beispiel. Den Widerstand der Pondos wird der Europäer mit großer Leidenschaft unterstützen.

1789

meine aktuelle Pressekolumne


1789 ist so ein Datum, ebenso 1989. Beim einen folgte der Umsturz ziemlich gewalttätig, beim anderen bemerkenswert friedlich. Beiden Revolutionen ist gemein, dass nachher alle lautstark behauptet haben, dass die Umbrüche unvermeidlich waren. Nur vorher hat es keiner gewusst oder bemerkt. Obwohl die Systeme brüchig waren, die Unzufriedenheit mit „denen da oben“ gewaltig war, kamen die Umstürze plötzlich, heftig und wälzten das Alte nieder. Die Unzufriedenheit mit „den Umständen“ wächst auch bei uns beträchtlich.
Beispiel USA: Da werden Banken mit aberwitzigen Summen aus öffentlichen Geldern gerettet, weil man sie ja angeblich aus „öffentlichem Interesse“ nicht in die selbstverschuldete Pleite schicken kann. Jetzt melden einige von diesen Banken wieder tolle Quartalsergebnisse. Zum Beispiel Goldman Sachs. Seine 29.400 Mitarbeiter (Sekretärinnen inklusive) erhalten heuer im Schnitt 770.000 Dollar Jahreseinkommen. Welche hervorragende Leistung, welche volkswirtschaftliche Wertschöpfung haben sie für diese mehr als fürstliche Gage erzielt? Beispiel Deutschland: Fast beruhigt atmen viele auf, dass Porsche Chef Wendelin Wiedeking „nur“ 50 Mio. Euro Abschiedsprämie erhält. Dessen Leistungen seien hier nicht geschmälert, aber gibt es so etwas wie „das rechte Maß“ eigentlich noch? Auf der anderen Seite der Wohlstandsmedaille leben sie, die gut ausgebildeten Prekaristen, die von Praktikum zu Praktikum hüpfen (müssen), mit Gehältern oft unter 1000 Euro abgespeist werden, Überstunden klarerweise nicht extra entgolten bekommen, und wenn sie aufmucken, wird ihnen beschieden, vor der Tür warteten die anderen.

Die Wirtschaftskrise und vor allem die Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand (Kürzung der Ermessensausgaben) werden gerade in diesem Bereich der Werkvertragsnehmer die Arbeitslosigkeit, die nicht bezahlt wird, da es ja Selbstständige sind, in die Höhe treiben.

Wie soll man diesen die absurd hohen Gehälter jener erklären, die drinnen und oben sind im System? Sie sind draußen und werden dazu angehalten, mit ihren Steuern und Sozialabgaben den „Generationenvertrag“ zu erfüllen. Gleichzeitig wissen sie, dass sie niemals mit 59 in die bezahlte Pension gehen werden.

Das ist keine stabile Situation. Der Unmut ist bereits gewaltig und wird wachsen. Und nachher, wenn sich der Rauch verzogen hat und die Trümmer gelegt haben, werden es wieder alle gewusst haben. Dass es unvermeidlich war. Wie 1789 und 1989.

Der Baron der Sonntagskrone

meine aktuelle Pressekolumne:
das war der gewünschte Titel, der aber zu lang war:

Das Buch, der Herrgott und Erwin Pröll

Ein erfahrener Politiker müsste wissen wie gefährlich jene “Interviews” sind, die nur scheinbar wie eine kritische Befragung aussehen, tatsächlich jedoch als Gefälligkeit gedacht sind. Wenn die Fragen nicht überraschen können und die Antworten beliebig oft umgeschrieben werden können, tritt das unverblümt zu Tage, was diesem Politiker w i r k l i c h wichtig ist.

Erwin Pröll möchte Bundespräsident werden, d e r Landeshauptmann einer Partei, die sich bürgerlich nennt. Er hat vor vielen Jahren stolz behauptet hat, das einzige Buch, das er jemals gelesen habe, sei Karl Mays Schatz im Silbersee.

Jetzt, da ihm Niederösterreich offensichtlich langweilig geworden ist, hat ihn die Gunst von Onkel Hans ereilt. Dieser wünscht sich Erwin Pröll als Bundespräsidenten. Und wer die Gunst von Wir-und-niemand-sonst-ist-Kaiser sein Eigen nennt, wird der Baron der Sonntagskrone, Ernennungsurkunde in Form eines “Adorationsinterviews”.

Daher wissen wir, was Erwin Pröll von sich wirklich preisgeben will. Auf die Frage, wie belesen ein Politiker eigentlich sein müsse, antwortet er wörtlich: “Der eine liest halt, und der andere hat`s vom Herrgott mitbekommen.” Das sitzt!

Ernst Strasser, einer von Landbaron Prölls Knappen, spricht deutlich aus, was das Kalkül hinter solchen Aussagen ist: „Das mögen die Leut'; damit wirkt der Landeshauptmann wenigstens net so obergscheit.”

Merkwürdig, denn gäbe es so etwas wie den inneren Kern, das Wesen des Bürgelichen, dann ist es die Buch-und Druckkultur, die Fähigkeit und vor allem der Wille zur Verschriftlichung. Das Buch war die bürgerliche Revolutions-Waffe gegen den Adel, es ist der genetische Code des Bürgerlichen.

Wir nehmen zur Kenntnis: Die ÖVP denkt ernsthaft darüber nach, einen bürgerliche Grundtugenden verachtenden, evident anti-bürgerlichen Feudalherren in das Amt des Bundespräsidenten hieven zu lassen. Indes seine Mitbewerber, Heinz Fischer und (möglicherweise) Alexander van der Bellen ein geradezu erotisches Verhältnis zum Buch und damit zu einer ausgeprägten Form von Bildungsbürgerlichkeit pflegen.

Die post-moderne Unübersichtlichkeit schreibt ein neues Kapitel.

Grazer Verhinderer

mein aktueller Pressekommentar

In der schönen Stadt Graz kann das Fußballstadion mehr, als Tribüne für hoffentlich spannende Spiele zu sein.

Es leistet zusätzlich Beeindruckendes zum Klimaschutz. Denn es ist reich mit Sonnenkollektoren bestückt und speist so mehr als sechs Monate im Jahr Wärme ins Fernwärmenetz. Deswegen muss in Graz deutlich weniger Gas verfeuert werden, um das Wasser für das Fernwärmenetz zu erwärmen.

Alle profitieren davon: Die Umwelt, Arbeitsplätze in der Steiermark, welche die Sonnenkollektoren herstellen und montieren, sowie unsere Handelsbilanz, denn wir müssen weniger für Gasimporte ausgeben.

Ein tolles Beispiel, auf das nicht nur die Steirer stolz sein sollten. Weniger stolz sollten sie darüber sein, wie diese Geschichte weiterging.

Das Solarunternehmen und das städtische Energieunternehmen gründeten wegen des großen Erfolges ein Tochterunternehmen, das auf den reichlich vorhandenen Grazer Dachflächen weitere Sonnenenergienutzung im beträchtlichen Ausmaß vorsah. Verträge wurden unterzeichnet, die Erfolgsgeschichte schien weiterzugehen.

Bis der Chef des Landesenergieunternehmens, der ESTAG, die 49-%-Eigner des städtischen Unternehmens ist, voll auf die Bremse stieg. Hintergrund: Dieser Herr, er heißt Franz Kailbauer, um den Schuldigen zu benennen, kommt aus dem Gaskraftwerksbau. Dem Erdgas, nicht der Sonnenenergie scheint ungebrochen sein Engagement zu gehören. Mehr Solarenergie heißt weniger Gas. Das scheint ihm nicht zu behagen. Er wandte alle Tricks an, die ihm zur Verfügung standen. Mit Erfolg. Das so verheißungsvoll gestartete Tochterunternehmen realisierte kein einziges Projekt.

Und die Landespolitik? Hier lähmt wiederum Schwarz/Rot. Der schwarze Kailbauer lässt sich vom roten Voves sicher, aber ganz sicher nichts sagen. Besänftigend sei ergänzt, dass dem schwarz-grün regierten Graz diese absurde Blockade extrem unangenehm war und einige andere städtische Solarprojekte stattdessen entwickelt wurden.

Großflächige Solarversorgung, das, was in Graz wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist, blockiert die ESTAG nach wie vor. Das „fossile“ Denken verhindert nach wie vor ungeheuer viel.

Positive Beispiele gehören vor den Vorhang. Als Ermutigung, um zu zeigen, was heute alles möglich ist. Die Verhinderer dürfen aber auch nicht versteckt werden. Besonders, wenn sie an der Spitze von Unternehmen sitzen, die uns allen, in diesem Fall allen Steirern, gehören.

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